5 Monate Incredible India!

How to wear a Saree!

Wer den Bericht zu der indischen Hochzeit gelesen hat, hat sich vermutlich gefragt, warum ich nicht mehr Bilder von mir im Saree eingestellt habe...  Ganz einfach: Den zu tragen war für mich eine so große Sache, dass es einen eigenen Blog-Eintrag verdient!

Bereits mehrere Wochen vor der Hochzeit, hatte ich mir einen Saree ausgesucht. Das war auch gut so, denn das ganze Unterfangen bedeutete mehr Aufwand als erwartet...

Zunächst erfuhr ich, dass ich die zum Saree gehörige Bluse nicht fertig kaufen kann, sondern sie mir aus dem Saree-Stoff anfertigen lassen muss. Gesagt getan - die netten Damen im Nähshop um die Ecke nahmen meine Maße und zwei Wochen später...

... konnte ich das gute Stück abholen!

Ich musste feststellen, dass die (vorne durch Ösen zu schließende) Bluse tatsächlich passgenau geschneidert wurde... *luft anhalt* ... und auf Grund des von mir gewählten (eher steifen) Stoffes auch nicht sonderlich bequem war...

Aber egal: Total happy, dass wir jetzt endlich unsere Sarees haben, wollten Johanna (die sich zeitgleich mit mir einen gekauft hat) und ich sie natürlich gleich anprobieren! Wir schmiedeten Pläne, wie wir mit diesen "einen Kafee trinken" gehen würden - eben wie all die indischen Frauen...

Doch dann der nächste Dämpfer: Von einem Freund erfuhren wir, dass uns ein wichtiges Utensil fehlt: Wir benötigten noch Unterröcke für unsere Sarees... Bitte?! "Sowas unnötiges" dachten wir und warfen ein Youtube-Video ("How to wear a Saree" an... um sogleich festzustellen, dass die Unterröcke tatsächlich eine Funktion erfüllen und ohne sie der Saree überhaupt nicht angezogen werden kann...

Nun gut, ab in den Laden und Unterröcke gekauft!


Und dann konnte es endlich los gehen: "How to wear a Saree" in Youtube eingegeben, Video geladen, konzentriert zugehört und nachgemacht... Schritt 1: Bluse und Unterrock anziehen! Soweit ganz einfach...

Doch schon wenige Schritte weiter, stießen wir an unsere Grenzen: "Stoff um die Hüfte wickeln... mehrmals falten... über die Schulter legen... nach Vorne durchziehen..." Bitte was?!

Nach mehrmaligen Versuchen (und nur wenig erkennbarer Verbesserung) gaben wir schließlich auf! Auch beim Saree anziehen, macht Übung offensichtlich den Meister... Und all die Inderinnen, die wir täglich in Sarees über die Straßen flanieren sehen, haben eben doch einen kleinen, aber entscheidenden Vorteil: Sie haben es von Kindesbeinen an gelernt - nicht an einem Tag, mit Hilfe von Youtube! 

Wir entschieden also, es erstmal dabei zu belassen. Ich wusste ja, dass wir für die Hochzeit bei der Tante meines Kollegen übernachten würden und war mir sicher, dass diese mir beim Anziehen helfen würde... Und vielleicht würde sie mir bei dieser Gelegenheit ja sogar noch ein paar Tipps geben!

Also übte ich mich in Geduld und kaufte mir nur noch ein Bindi sowie farblich passende, glitzernde Ohrringe! Immerhin wollte ich ja auch "echt indisch" aussehen und Inder stehen nunmal auf alles was glitzert...

Aber trotz meiner - wie ich meinte - guten Vorbereitung, kam alles anders als geplant:

Bei der Tante meines Kollegen angekommen, wurden die von mir mitgebrachten Utensilien erstmal begutachtet. Dabei stellte die Cousine meines Kollegen (die sich meiner angenommen hatte) mit Entsetzen fest, dass

a.) Das Bindi viel zu groß ist
b.) Die Ohrringe viel zu klein sind
c.) Ich keine Kette habe und
d.) Mir die Armreifen fehlen

Ein vernichtendes Urteil!

Ranju, nunmehr meine Stylistin, musste mir also erstmal helfen das in Ordnung zu bringen!

Zunächst gingen wir in einen Laden, um die fehlenden Armreifen zu besorgen! Eine wahre Wissenschaft, denn erstens sollten sie farblich möglichst genau passen...

... was bei so einer Auswahl gar nicht so einfach ist...


... und zweitens haben indische Fraue offensichtlich wesentlich kleinere Hände, denn die meisten der Armreifen konnten mir trotz roher Gewalt nicht über meine Fingerknöchel ziehen!

... letztlich wurden wir aber zum Glück doch noch fündig!


Zuhause angekommen, "rettete" Ranju dann erstmal mein Bindi, indem sie beherzt das obere Drittel abschnitt! 

Und auch für das Ohrringe und Kettenproblem hatte sie eine Lösung...

... die Kronjuwelen von England!


Ok, nicht ganz... aber für mich waren sie das!

Ranju und ihre Eltern bestanden tatsächlich darauf, dass ich den Schmuck anziehe, den sie für die Verlobungsfeier ihrer älteren Tochter gekauft hatten! Unnötig zu erwähnen, dass es sich dabei nicht um "Modeschmuck" handelt...

Auch wenn ich zunächst zögerte. Ich fühlte mich durch diese rührende Geste unheimlich geehrt - und nahm ihr Angebot dankend an!

Damit waren alle mit meinem Outfit verbundenen "Probleme" gelöst und es wurde Zeit, mich für die Hochzeit vorzubereiten. Ranju und ihre Mutter halfen mir also den Saree anzuziehen...

Wenige Minuten später, ein erster Blick in den Spiegel und ich war atemlos! "Wow" dachte ich nur... und wollte mich schon herzlich bei Ranju Bedanken, als diese mich darauf hinwies, dass sie noch nicht mit mir fertig sei! Ok,...

Weitere 10 Minuten später, hatte sie mir die Haare zurecht gebürstet (ich sollte sie "natürlich" offen tragen) und noch einen dicken Lidstrich gezogen (wie es in Indien üblich ist). Und was soll ich sagen? Ihre Bemühungen haben sich gelohnt!

Mit all dem Glitzer und dem wertvollen Schmuck fühlte ich mich schon ein wenig wie "Bollywood-Star"!

Mein Kollege, sichtlich sprachlos...

Noch ein Foto fürs Familienalbum...

... ein letzter Check meiner Stylistin...

... und los ging es in Richtung Hochzeit!

Als einzige Ausländerin - und dann auch noch im Saree - war ich auf der Hochzeit natürlich für die anderen Gäste "sehr spannend". Es verging daher - bei mehreren Hundert Gästen - kein Moment in dem ich unbeobachtet gewesen wäre...

... ganz zu meinem Leidwesen! Denn obwohl ich wusste, dass mir der Saree gut stand, fühlte ich mich ziemlich unwohl... So wie es eben ist, wenn man einen für sich ungewohnten Kleidungsstil trägt!

Obwohl es ein echtes Erlebnis war, war ich daher froh, am zweiten Tag der Hochzeit ein "normales" Outfit tragen zu können... und dann ergab sich folgende Situation:

Als ich der Cousine des Bräutigams sagte wie umwerfend sie in ihrem (wirklich traumhaften!) Saree aussieht... antwortete sie mit einem schüchternen Lächeln "Danke, das ist wirklich lieb von Dir. Ich fühle mich nämlich ziemlich unwohl - normalerweise trage ich keine Sarees"...

 

Zu Gast auf einer hinduistischen Hochzeit!


Schon vor meiner Anreise hatte mich mein Kollege Ramanan zu der Hochzeit seines Bruders eingeladen, die im Juni stattfinden sollte. Ich habe mich riesig darüber gefreut, dass mir diese Ehre zu Teil werden würde. Immerhin sind Hochzeiten ja etwas sehr intimes! Oder etwa doch nicht...?

Nicht ganz - zumindest nicht in Indien. Und indische Hochzeiten unterscheiden sich generell doch sehr von deutschen...

Gästeanzahl

Der wohl größte Unterschied zwischen deutschen und indischen Hochzeiten liegt in der Anzahl der geladenen Gäste.

Während in Deutschland Hochzeit häufig im "kleinen Kreis" stattfinden, sind indische Hochzeit mit weniger als 500 Gästen undenkbar. Im Gegenteil: Umso mehr, desto besser - bedeutet eine große Anzahl an Gästen doch dass die beiden Familien angesehen und beliebt sind.

Eingeladen werden entsprechend das gesamte Dorf, die (kirchliche) Gemeinde, Geschäftskollegen, ehemalige Studienkollegen... ach und Familie & Freunde. 

Das sind dann schonmal so aus: Bühne & Live-Übertragung auf TV

Braut und Bräutigam ist man nur über den Flatscreen nahe!

Immerhin ist man so auch bei den zahlreichen Ritualen mittendrin statt nur dabei...


Die Rituale

Während das Brautpaar auf deutschen Hochzeiten höchstens (gemeine) Spiele der Trauzeugen oder eine langweilige Predigt des Pfarrers über sich ergehen lassen muss, ist für indische Brautleute ihre eigene Hochzeit wohl einer der anstrengendsten Tage ihres Lebens. Nicht zuletzt, wegen zahlreicher Rituale...

Hier nur ein paar ausgewählte Beispiele:

Da die Hochzeit traditionell von den Brauteltern ausgerichtet wird, findet die Hochzeit am Wohnort der Braut statt. Am Abend vor der eigentlichen Hochzeit, findet ein Empfang statt:

  • Zunächst geht der Bräutigam (ohne seine zukünftige Braut!) mit seiner, sowie der Familie der Braut, in einen nahe gelegenen Tempel, wo verschiedene (religiöse) Rituale durchgeführt werden. U.a. werden Opfergaben gebracht (in Form von verschiedenen Früchten/Blumen) und für das Glück der zukünftigen Eheleute gebetet.

  • Anschließend werden die, mit Opfergaben gefüllten, Teller bei melodischen Trommelschlägen zu Fuß zum eigentlichen Ort der Trauung getragen (damit ist auch klar, warum der Tempel nahe gelegen sein muss ). Der Bräutigam wird dabei in einem mit Blumen geschmückten Fahrzeug dorthin gefahren. Dort angekommen gibt es dann erstmal eine Foto-Session... denn auf indischen Hochzeiten wird ALLES akribisch festgehalten!

    Und ratet mal wer aufs Bild gezerrt wurde... ?
    (leider habe ich bisher nur Handy-Bilder meines Kollegen)
  • Kaum angekommen, kommt dann der für die Brautleute wohl anstrengendste Teil des ersten Tages: Glückwünsche der Gäste & Übergabe von Geschenken... Klingt erstmal nicht schlimm - allerdings wird "typisch indisch", eben auch mit jedem Gast ein Foto gemacht! Braut & Bräutigam stehen also in voller Montur im grellen Scheinwerferlicht und schütteln die Hände mehrerer Hundert Gäste...

    ... und lächeln dabei (stundenlang!) tapfer in die Kamera!

Auch der zweite Tag beginnt für die Brautleute sehr früh, denn es werden bereits Zuhause diverse Rituale durchgeführt, bevor es auch am Ort der Hochzeit mit solchen weitergeht...

  • z.B. mit der Segnung durch mehrere Gurus! Was bei uns die Predigt eines Pfarrers ist, sind bei hinduistischen Hochzeiten die Gebete / Gesänge eines Gurus (und seiner zwei Schüler). Die Segnung erfolgt in zwei Etappen: Die Braut und ihre Familie, dann der Bräutigam und seine Familie.

    Das zieht sich...
  • Interessant ist auch das folgende Ritual: Nachdem die Segnungen beendet sind, läuft einer der Gurus mit einem Teller umher indem sich Reis sowie eine Kokosnuss befindet. Um die Kokosnuss ist ein Bändchen gewickelt, dass noch von großer Bedeutung sein wird. Der Guru geht also durch den Raum und alle "älteren" berühren die Kokosnuss, um das Bändchen zu segnen.

    Dann nimmt er den Teller wieder mit zur Bühne...


  • ... und ein zweiter Guru läuft durch die Reihen: Diesmal mit einer Schale voll Reis. Davon dürfen sich die "älteren" eine Hand voll nehmen...

    (Übriegns: Etwa drei Sekunden nach diesem Foto hatte ich realisiert dass ich den Reis - typisch Linkshänder - in der "falschen" Hand halte. Die linke Hand gilt in Indien nämlich als unrein... Also schnell Hand gewechselt! )

    Eine Gemeinsamkeit mit deutschen Hochzeiten konnte ich feststellen: Auch auf hinduistischen Hochzeiten wird die Eheschließung damit beendet, dass...

    ... die Gäste das Brautpaar mit Reis werfen...



  • Und was hatte es mit der Kokosnuss auf sich? Das Bändchen das um die Kokosnuss gewickelt und durch die anwesenden "älteren" gesegnet wurde, wird der Braut um das Handgelenk gebunden - und damit ist die Trauung vollzogen! Diese Tradition ist also mit unserem "Ring an den Finger stecken" vergleichbar... nur dass diese nicht so viele gute Wünsche enthalten!

  • Auf einen Kuss wartet man auf einer indischen Hochzeit übrigens vergebens: Küssen ist in Indien in der Öffentlichkeit nämlich nicht gestattet... Wie unromantisch!


Ich könnte noch stundenlang von der Hochzeit (und den zahlreichen Ritualen) erzählen... Aber das würde den Rahmen dieses Blogs nun wirklich sprengen!

Erzählen möchte ich allerdings noch von einem Trupp zu goldiger Kinder, die offensichtlich ganz fasziniert von "der weißen Frau" waren und sich immer wieder in meine Nähe gesetzt haben. Und schließlich haben sie mir dann noch Blumen geschenkt (die sie von der Deko abgenommen haben ).

Das sind die "Übeltäter"


Für mich war die Anwesenheit auf einer hinduistischen Hochzeit insgesamt ein unheimlich faszinierendes Erlebnis und ich habe an diesen zwei Tagen viele Eindrücke gewonnen!

Doch bei all meiner Begeisterung: Einige Eindrücke haben mich auch zum Nachdenken gebracht. Auch diese möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten!

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Es folgt daher: Etwas zum Grübeln

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Durch die tief verwurzelten Traditionen, die vorsehen, dass die Brauteltern die Hochzeit ausrichten und dabei a.) möglichst viele Gäste anwesend sind und b.) die Hochzeit möglichst prunktvoll ist (auch wenn es "Brautgeld" offiziell nichtmehr gibt, kosten allein der Saree der Braut und der (echte) Gold-Schmuck idR mehr als ein Kleinwagen...), sind Töchter gerade in der Unterschicht bis heute eher Fluch als Segen.

Die meisten indischen Hochzeiten sind arrangierte Heiraten. Das bedeutet auch, dass sich die zukünftigen Brautleute bei ihrer Verlobungsfeier häufig das erste Mal begegnen. So auch im Fall von Ramanans Bruder und dessen Braut... Für uns ein doch recht gewöhnungsbedürftiger Gedanke!

(Übrigens: Arrangierte Ehene müssen nicht zwangsläufig schlecht sein - mit den Vor- und Nachteilen befasse ich mich noch in einem Extra Blogeintrag!)


Deutsche vs. Indische Arbeitskultur

Ein typische Szene auf der Arbeit: Großraumbüro - Jenny sitzt an ihrem PC - um sie herum wird Zeitung gelesen, auf dem Tisch gedöst oder das neuste Handy diskutiert! Was ist da los? Es treffen zwei völlig unterschiedliche Arbeitskulturen aufeinander!

Kurz und schmerzlos  - der deutsche Arbeitstag!

Wie läuft bei uns ein normaler Arbeitstag ab? In der Regel versuchen wir Deutschen früh auf der Arbeit zu sein, damit wir - nach getaner Arbeit - noch möglichst viel von unserem verdienten Feierabend haben! Für uns bedeutet das: Bloß keine Zeit verschwenden!

Pünktlich um 16.00 Uhr herrscht Rush-Hour an der Stechuhr!

Eine zweites Zuhause - Arbeiten in Indien!

Hier ist das ganz anders: Die Kollegen im Büro werden als Sozialkontakte betrachtet. Insbesondere für junge Inder und Inderinnen (die jeweils bis zu ihrer Hochzeit Zuhause wohnen!) ist es daher völlig normal, auch während der Büro-Zeiten ihre Sozialkontakte zu pflegen oder alltäglich Dinge (wie Zeitunglesen) zu tun...

Wer jetzt versucht ist aufzuschreien, dem sei gesagt dass Inder weder fauler noch weniger produktiv sind! Sie setzen ihre Zeit nur anders ein!! An statt - wie wir - durchzuschuften, gönnen sie sich zwischendurch Pausen um sich zu erholen und ihre Freundschaften zu pflegen. Wie ich finde - kein schlechter Ansatz!

Dafür sind meine Kollegen dann IMMER noch im Büro, wenn ich nach über 9 Std. gegen 19.00 Uhr die Segel streiche. Auch sie haben schließlich ein Arbeitspensum, dass sie abarbeiten wollen...

Noch etwas was man bei uns nie sehen würde: Nicht selten spielen meine Kollegen - nach getaner Arbeit - im Gemeinschaftsraum noch eine Runde Tischtennis, bevor sie am späten Abend nach Hause gehen. Eine "Bloß-raus-hier"-Mentalität herrscht hier nicht...


 

Des Deutschen Heiligstes: Die Mittagspause!

Und noch zwei weitere Extreme treffen bei Deutsch-Indischer Zusammenarbeit aufeinander... täglich, in der Mittagspause!

Für uns Deutschen ist - den Feierabend fest im Blick - die Mittagspause ein Meilenstein des Tages und: die Zeit um zu entspannen und Kraft für die zweite Hälfte des Tages zu sammeln!

Ihr könnt Euch vorstellen, was in mir vorging als ich feststellte, dass es hier üblich ist sofort nachdem der letzte den Teller geleert hat aufzustehen und wieder an die Arbeit zu gehen!

Auch das liegt an der unterschiedlichen Arbeitskultur: Während es für uns Deutsche die wichtigste Zeit des Tages - und eine Gelegenheit zur Pflege von Sozialkontakten ist - sieht der Inder in der Mittagspause lediglich eine weitere kurze Pause, die in erster Linie der Nahrungsaufnahme dient!

 

Die Lösung für diese interkulturelle Diskrepanz? Ich lasse mir beim essen bewusst Zeit (um zumindest 20 Minuten Pause zu haben), beteilige mich aber dafür im Laufe des nachmittags auch bewusst an Gesprächen...

... dann sind alle Beteiligten glücklich!


Zeit ist relativ - zumindest in Indien

Wer nach Indien kommt bemerkt ziemlich schnell: Uhren sind überflüssig! Genau das richtige Land für mich, denn Armband-Uhren waren ja noch nie meins.

Busse & Bahnen

Für die städtischen Busse gibt nur wenige Fahrpläne. Vermutlich, weil der Verkehr hier so verrückt ist, dass man sich auf diese sowieso nicht verlassen könnte, weil nie klar ist wie gut der Bus durchkommt. Wer hier mit dem Bus fahren will, stellt sich daher einfach an die Haltestelle und wartet - denn eins ist sicher: Es wird (zumindest tagsüber) schon ein Bus kommen!

Was für mich zunächst schrecklich klang (immerhin wat ich es gewohnt Termine und Anschlussbusse auf die Minute genau zu planen), stellte sich schnell als echte Erleichterung heraus: Kein Zeitdruck, kein "Oh nein, warum muss der Bus schon wieder 2 Minuten zu spät sein? So bekomme ich meinen Anschluss nie!!!"

Ich habe mich daran gewöhnt, verabrede mich mit Freunden statt zu einem genauen Zeitpunkt zu einer "ungefähren Zeit" und lebe an den Wochenenden einfach in den Tag hinein. Ich war nie entspannter und hoffe, dass mir diese Entspannung auch im stressigen Deutschland erhalten bleibt!


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Öffnungszeiten

Auch Öffnungszeiten werden hier längst nicht so streng gehandhabt wie bei uns... es handelt sich wohl eher um so eine Art Richtlinie!

Da Läden hier 7 Tage die Woche geöffnet haben bedeutet das, dass man mit etwas Glück auch noch spät am Abend in aller Ruhe einkaufen kann...

... und im ungünstigsten Fall steht man eben (mitten am Tag) vor verschlossener Türe! Aber auch das nehmen Inder (und inzwischen auch ich) mit völliger Gelassenheit. Die Devise: Entweder wartet man, bis der Ladenbesitzer zurückkommt, oder man sucht sich eine Alternative. Kein Grund zur Aufregung!

Inzwischen beunruhigt es mich auch nicht mehr, wenn wir mit unserem Kumpel Ajith samstags in seiner Mittagspause etwas essen gehen und er viel zu spät wieder bei der Arbeit ist... Sein Berug? Zahnarzt! Aber feste Termine werden hier idR sowieso nicht vereinbart!
*g*

Interessant wie anders das in Deutschland ist, nicht wahr?

http://astrobum.files.wordpress.com/2010/06/uhr.jpg

Indische Schönheitsideale

Hier in Indien wird "Schönheit" etwas anders definiert als bei uns. Einige Unterschiede die ich beobachten konnte, möchte ich Euch heute näher bringen:

Fair is beautiful

Während wir sobald ein Sonnenstrahl rauskommt unseren Bikini auspacken, um endlich ein wenig "Farbe" zu bekommen, geht der Trend in Indien in die ganz andere Richtung: Je heller, desto besser!

Die (sozio-psychologischen) Gründe sind bekannt: Wer einen "guten" Job hat, arbeitet innen und bekommt daher nicht so viel Sonne ab. Blässe bedeutet also Wohlstand! Ähnliches kennen wir ja auch von den Engländern und Franzosen...

Interessant ist, wie die Schönheits-Industrie darauf reagiert: Es gibt Peelings zu kaufen, die versprechen "die schöne Haut die unter einer dunklen Schicht steckt freizulegen" (lt. Werbung zerstört sie den Farbstoff Melanin in der Haut! ) , Cremes & Waschlotions enthalten Bleichmittel... und "unsere" Sonnenmilch findet als "Weißmacher" reißenden Absatz!


In der Werbung werden Bilder dann extrem überbelichtet, um deutlich zu machen WIE HELL man werden kann...
ob ich so aussehen möchte? Ich weiß ja nicht...



Ein Gutes hat das Ganze jedenfalls. Ich entspreche mit meiner blassen Haut hier endlich Mal dem Schönheitsideal und keiner lästert über meine "vornehme Blässe"!

Kein Haar zuviel


Doch auch wenn meine helle Haut hier voll im Trend ist - gibt es auch etwas mit dem ich hier in Indien nicht auf Zustimmung stoße: Meine unrasierten... Arme!

Richtig gehört... vor kurzem hat sich ein indischer Kumpel tatsächlich (scherzhaft) über meine Armbehaarung lustig gemacht... DAS habe ich jetzt auch noch nicht erlebt!

Und trotz aller Erklärungsversuche (sie seien doch sowieso blond/nicht wirklich lang und ganz weich), wollte er nicht wahrhaben, dass es in Deutschland nicht üblich ist, sich die Arme zu rasieren... Erst als Beau ihn dezent darauf hinwies, dass indische Frauen "etwas" haariger sind als Europäerinnen (bzw. dass es bei ihnen auf Grund der schwarzen Farbe einfach schlimmer aussieht), hat er Ruhe gegeben.

Nach diesem Gespräch habe ich übrigens einmal bewusst darauf geachtet und in der Tat: Ich habe keine Inderin gesehen die sich nicht die Arme rasiert... Interessant!

Viel Gold & Bling Bling

Es gibt ein weiteres Schönheitsideal - dem ich nicht entspreche - auf das ich aber immer wieder angesprochen werde: Das tragen von Schmuck!

Für Inderinnen ist es völlig normal Ohrringe, Ketten und Ringe zu tragen... es gehört hier zum Ausdruck der Weiblichkeit (und vermutlich auch Wohlstand?). Mein "Problem": Ich trage überhaupt keinen Schmuck! Ich mochte Schmuck eben noch nie besonders... schon gar nicht wenn er goldfarben ist...

... ganz zur Verwunderung meiner indischen Freundinnen.

Und so gab es bei der Hochzeit in Chennai keine Ausrede. Ich musste Schmuck anlegen... und was für welchen! Mehr dazu in meinem Bericht zur Hochzeit!