5 Monate Incredible India!

Zu Gast auf einer hinduistischen Hochzeit!


Schon vor meiner Anreise hatte mich mein Kollege Ramanan zu der Hochzeit seines Bruders eingeladen, die im Juni stattfinden sollte. Ich habe mich riesig darüber gefreut, dass mir diese Ehre zu Teil werden würde. Immerhin sind Hochzeiten ja etwas sehr intimes! Oder etwa doch nicht...?

Nicht ganz - zumindest nicht in Indien. Und indische Hochzeiten unterscheiden sich generell doch sehr von deutschen...

Gästeanzahl

Der wohl größte Unterschied zwischen deutschen und indischen Hochzeiten liegt in der Anzahl der geladenen Gäste.

Während in Deutschland Hochzeit häufig im "kleinen Kreis" stattfinden, sind indische Hochzeit mit weniger als 500 Gästen undenkbar. Im Gegenteil: Umso mehr, desto besser - bedeutet eine große Anzahl an Gästen doch dass die beiden Familien angesehen und beliebt sind.

Eingeladen werden entsprechend das gesamte Dorf, die (kirchliche) Gemeinde, Geschäftskollegen, ehemalige Studienkollegen... ach und Familie & Freunde. 

Das sind dann schonmal so aus: Bühne & Live-Übertragung auf TV

Braut und Bräutigam ist man nur über den Flatscreen nahe!

Immerhin ist man so auch bei den zahlreichen Ritualen mittendrin statt nur dabei...


Die Rituale

Während das Brautpaar auf deutschen Hochzeiten höchstens (gemeine) Spiele der Trauzeugen oder eine langweilige Predigt des Pfarrers über sich ergehen lassen muss, ist für indische Brautleute ihre eigene Hochzeit wohl einer der anstrengendsten Tage ihres Lebens. Nicht zuletzt, wegen zahlreicher Rituale...

Hier nur ein paar ausgewählte Beispiele:

Da die Hochzeit traditionell von den Brauteltern ausgerichtet wird, findet die Hochzeit am Wohnort der Braut statt. Am Abend vor der eigentlichen Hochzeit, findet ein Empfang statt:

  • Zunächst geht der Bräutigam (ohne seine zukünftige Braut!) mit seiner, sowie der Familie der Braut, in einen nahe gelegenen Tempel, wo verschiedene (religiöse) Rituale durchgeführt werden. U.a. werden Opfergaben gebracht (in Form von verschiedenen Früchten/Blumen) und für das Glück der zukünftigen Eheleute gebetet.

  • Anschließend werden die, mit Opfergaben gefüllten, Teller bei melodischen Trommelschlägen zu Fuß zum eigentlichen Ort der Trauung getragen (damit ist auch klar, warum der Tempel nahe gelegen sein muss ). Der Bräutigam wird dabei in einem mit Blumen geschmückten Fahrzeug dorthin gefahren. Dort angekommen gibt es dann erstmal eine Foto-Session... denn auf indischen Hochzeiten wird ALLES akribisch festgehalten!

    Und ratet mal wer aufs Bild gezerrt wurde... ?
    (leider habe ich bisher nur Handy-Bilder meines Kollegen)
  • Kaum angekommen, kommt dann der für die Brautleute wohl anstrengendste Teil des ersten Tages: Glückwünsche der Gäste & Übergabe von Geschenken... Klingt erstmal nicht schlimm - allerdings wird "typisch indisch", eben auch mit jedem Gast ein Foto gemacht! Braut & Bräutigam stehen also in voller Montur im grellen Scheinwerferlicht und schütteln die Hände mehrerer Hundert Gäste...

    ... und lächeln dabei (stundenlang!) tapfer in die Kamera!

Auch der zweite Tag beginnt für die Brautleute sehr früh, denn es werden bereits Zuhause diverse Rituale durchgeführt, bevor es auch am Ort der Hochzeit mit solchen weitergeht...

  • z.B. mit der Segnung durch mehrere Gurus! Was bei uns die Predigt eines Pfarrers ist, sind bei hinduistischen Hochzeiten die Gebete / Gesänge eines Gurus (und seiner zwei Schüler). Die Segnung erfolgt in zwei Etappen: Die Braut und ihre Familie, dann der Bräutigam und seine Familie.

    Das zieht sich...
  • Interessant ist auch das folgende Ritual: Nachdem die Segnungen beendet sind, läuft einer der Gurus mit einem Teller umher indem sich Reis sowie eine Kokosnuss befindet. Um die Kokosnuss ist ein Bändchen gewickelt, dass noch von großer Bedeutung sein wird. Der Guru geht also durch den Raum und alle "älteren" berühren die Kokosnuss, um das Bändchen zu segnen.

    Dann nimmt er den Teller wieder mit zur Bühne...


  • ... und ein zweiter Guru läuft durch die Reihen: Diesmal mit einer Schale voll Reis. Davon dürfen sich die "älteren" eine Hand voll nehmen...

    (Übriegns: Etwa drei Sekunden nach diesem Foto hatte ich realisiert dass ich den Reis - typisch Linkshänder - in der "falschen" Hand halte. Die linke Hand gilt in Indien nämlich als unrein... Also schnell Hand gewechselt! )

    Eine Gemeinsamkeit mit deutschen Hochzeiten konnte ich feststellen: Auch auf hinduistischen Hochzeiten wird die Eheschließung damit beendet, dass...

    ... die Gäste das Brautpaar mit Reis werfen...



  • Und was hatte es mit der Kokosnuss auf sich? Das Bändchen das um die Kokosnuss gewickelt und durch die anwesenden "älteren" gesegnet wurde, wird der Braut um das Handgelenk gebunden - und damit ist die Trauung vollzogen! Diese Tradition ist also mit unserem "Ring an den Finger stecken" vergleichbar... nur dass diese nicht so viele gute Wünsche enthalten!

  • Auf einen Kuss wartet man auf einer indischen Hochzeit übrigens vergebens: Küssen ist in Indien in der Öffentlichkeit nämlich nicht gestattet... Wie unromantisch!


Ich könnte noch stundenlang von der Hochzeit (und den zahlreichen Ritualen) erzählen... Aber das würde den Rahmen dieses Blogs nun wirklich sprengen!

Erzählen möchte ich allerdings noch von einem Trupp zu goldiger Kinder, die offensichtlich ganz fasziniert von "der weißen Frau" waren und sich immer wieder in meine Nähe gesetzt haben. Und schließlich haben sie mir dann noch Blumen geschenkt (die sie von der Deko abgenommen haben ).

Das sind die "Übeltäter"


Für mich war die Anwesenheit auf einer hinduistischen Hochzeit insgesamt ein unheimlich faszinierendes Erlebnis und ich habe an diesen zwei Tagen viele Eindrücke gewonnen!

Doch bei all meiner Begeisterung: Einige Eindrücke haben mich auch zum Nachdenken gebracht. Auch diese möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten!

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Es folgt daher: Etwas zum Grübeln

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Durch die tief verwurzelten Traditionen, die vorsehen, dass die Brauteltern die Hochzeit ausrichten und dabei a.) möglichst viele Gäste anwesend sind und b.) die Hochzeit möglichst prunktvoll ist (auch wenn es "Brautgeld" offiziell nichtmehr gibt, kosten allein der Saree der Braut und der (echte) Gold-Schmuck idR mehr als ein Kleinwagen...), sind Töchter gerade in der Unterschicht bis heute eher Fluch als Segen.

Die meisten indischen Hochzeiten sind arrangierte Heiraten. Das bedeutet auch, dass sich die zukünftigen Brautleute bei ihrer Verlobungsfeier häufig das erste Mal begegnen. So auch im Fall von Ramanans Bruder und dessen Braut... Für uns ein doch recht gewöhnungsbedürftiger Gedanke!

(Übrigens: Arrangierte Ehene müssen nicht zwangsläufig schlecht sein - mit den Vor- und Nachteilen befasse ich mich noch in einem Extra Blogeintrag!)


10.7.11 19:51

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Shay / Website (12.7.11 01:39)
Echt hübsch = D


leander (13.7.11 12:55)
Jenny, ich liebe jeden buchstaben deiner berichte.